Mittwoch, 18. Oktober 2017

Seerosenkleid


Es war einmal ein kleines Mädchen, welches alle für einen Jungen hielten. Seine Großeltern hatten einen Garten mit einem riesigen Teich voller Seerosen darauf. Das Mädchen liebte es, am Rande des Teichs zu spielen. Der Teich war so groß, dass man sogar mit dem Floß darauf herumfahren und darin Fische angeln konnte. Eisvögel nisteten in den umstehenden Bäumen. Doch der ruhige Frieden war, wie alles andere auch, nicht für die Ewigkeit gemacht. Ein Konzern wollte seine neue Produktionsstätte an eben jener Stelle errichten. Das Land welches nur gepachtet war, wurde den Großeltern weggenommen, das Biotop plattgemacht und ein Werk für Flourchemie darauf errichtet. Tschüß Seerosen, adieu Idyll, ruht in Frieden ihr hübschen Eisvögel!
Der Garten war weg; das friedliche Bild des Seerosenteichs blieb im Kopfe des Mädchens haften.
Die Beziehung zu den Großeltern blieb trotz räumlicher Nähe stets distanziert. Aus Schutz vor den persönlichen Geschichten der Vorfahren, welche durch die Gewalt von Feinden geprägt waren, errichtete das Mädchen eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihnen.

Die Mauer hielt ein Leben lang. Die Zeit zog ins Land. Das Mädchen, welches alle für einen Jungen hielten, wuchs heran zur Frau. Die Großeltern starben. Das größte Erbe für das Mädchen, welches doch nun eine Frau war, blieb nach wie vor das Idyll des Teichgartens, welches sich tief im Herzen eingeprägt hatte.
Eines Tages, als die Frau gedankenverloren Seerosen zu Papier brachte, welche unaufgefordert durch ihren Kopf schwammen, glitten die Gedanken hinüber zu den Großeltern. Zu ihren ungeschickten Versuchen künstlich eine Nähe zu erzeugen, die es real nie gab.
Die Frau war nun endlich bereit das unsichtbare Mauerwerk des Schutzes zu verlassen. Was sie dahinter sah, war beklemmend, erschütternd und voller Schmerz. Und doch, nach so vielen Jahren endlich betrachtbar. Der Tod selber erst hatte die Annäherung möglich gemacht.
Die Zeichnung ward zum Design, das Design zu Stoff. Der Stoff ward  zum Kleid und das Kleid eine Homage an die Großeltern, welche das Mädchen zu deren Lebzeiten zu lieben außer Stande war.
Jenen, die dies für eine wirklich traurige Geschichte halten, sei Folgendes gesagt: traurig und schlimm in dieser Geschichte sind der Krieg und die Vertreibung; der Missbrauch und die Gewalt; die Zerstörung von Natur und Leben. Die fehlende Liebe jedoch - mein reiner Selbstschutz.

P.S.: Mein Kleidermärchen verlinke ich beim MeMadeMittwoch.